Glasherstellung
Holz war der wichtigste Rohstoff bei
der Glasherstellung und offenbar in den Fürstenberger Wäldern noch in genügender
Menge vorhanden. Trotzdem warnten die Forstsachverständigen und drängten auf
eine geregelte Holzentnahme aus den Beständen.Der Oberförster ließ deshalb auf dem Felgenberg eine Unterförsterei
errichten. Der dort wohnende Förster konnte die Wald- und Holznutzer stets
unter Kontrolle haben, da sowohl der Fürstenberger Triftweg, auf dem die
Viehhirten ihre Herden trieben, als auch der Weg von Essentho nach Bredelar oder Madfeld an seinem Haus vorbeiführte. Die Fuhrleute, die den
Glasmachern das Holz zur Hütte karrten, mussten auf ihrem Weg ebenfalls am
Forsthaus vorbei. Die Fürstenberger Holzberechtigten trauten der Kontrolle
jedoch nicht. Sie beklagten vielmehr, daß ihnen nicht nur die Glasmacher
sondern auch die Einwohner aus Essentho und Madfeld das Brakenholz wegnähmen, wenn sie das Brennholz für die
Glashütte anführen.
Den zur Glasherstellung benötigten
weißen Quarzsand schaffte ein Unternehmer aus Lemgo herbei. In Körben, die von 15 Eseln getragen wurden, brachte
er von dort alle vierzehn Tage den Grundstoff für die Glasmasse. Auf dem Rückweg
nahm der Transporteur dann die fertigen Produkte mit nach Paderborn oder Driburg, von wo sie weiter über die Weser nach Norddeutschland, Holland und England verschifft wurden.
Der Quarzsand kam in große oben
offene Tonwannen, Häfen genannt, in denen er durch die Hitze des Holzfeuers flüssig
wurde. Um die Schmelztemperatur des Sandes von 1700° C auf 1200° C
herabzusetzen, musste der Schmelzer Pottasche als Flussmittel hinzugeben.
Pottasche wurde von den Aschesiedern
aus Holzasche hergestellt. Zuerst setzten sie mit Wasser eine Lauge an, die sie
dann in großen Kesseln, den 'Pötten' so lange kochten, bis das Wasser
verdampft war, und ein weißes Salz übrig blieb. Die Aschesieder benötigten
riesige Mengen Holz zur Herstellung der Holzasche. Sie sammelten außerdem die
Asche von den Hausbrandstätten der Dörfer und vom Ofen der Glashütte.
Zunächst stellten sie die Pottasche auch dort her. Der Pottaschesieder Konrad
Droll kam aus Madfeld und arbeitete im Lohn für die Glasfabrik.
Als im Jahre 1822 die gräfliche
Ziegelhütte ins Hegeholz auf den Pahlsberg verlegt wurde, nutzte man die alten
Gebäude oberhalb des Sauplatzes auf der späteren Gemeindekuhweide als Siederei,
da dieser Platz sich durch eine günstige Lage auszeichnete. Vor dem Wald am
Triftweg gelegen konnte leicht das Brennholz herbeigeschafft werden. Die Glashütte, die Ziegelei und das Dorf als Lieferanten von Holzasche waren nicht weit.
Nicht zuletzt war dieser Großverbraucher von Holz hier vom Förster gut zu
kontrollieren. 1842 stellte die Siederei ihre Produktion ein, da industriell
produziertes Soda die Pottasche als Flussmittel bei der Glasschmelze ersetzte.
Hüttenarbeit
Die Arbeitszeit der Glasmacher war
bestimmt durch den steten Wechsel von Schmelze und Fabrikation. Zwei Schürer
besorgten die Feuerung des Ofens. Im Trockenofen gut vorgetrocknete
Buchenholzscheite wurden über einem Feuerrost verbrannt, so dass die offene
Flamme um die Glashäfen schlug. Der Rauch zog über die Ofenlöcher und die
Schornsteine ab, die 3,50 m hoch über das Dach der Fabrik ragten. Der Schürer
und der Schmelzer benötigten 16 bis 18 Stunden um die Glasmasse schmelzflüssig
zu erhalten. Dann ließ der Schmelzer mit schnellen Schlägen die Glocke am Haus
des Fabrikanten erklingen, um die Glasmacher zur Arbeit zu rufen. Die Glasmacher
fertigten das Hohlglas arbeitsteilig in Gruppen, dem s.g. Stuhl. Der Lehrjunge
nahm mit der Pfeife, einem langen dünnen Metallrohr, etwas zähflüssige
Glasmasse aus einem der sechs Häfen. Das Blasrohr mit dem Glastropfen gab er an
den Hohlgläser weiter, der über das Mundstück den Bauch des Glases blies.
Dann übernahm der Meister das Rohglas und formte in seinem Arbeitsstuhl sitzend
Stiel und Boden passend an. Das fertige Stück wurde schließlich von dem Einträger
mit einer langstieligen Zange in den Kühlofen getragen, wo das Werkstück bei
ca. 800° C langsam abkühlen konnte. Die Glasmacher arbeiteten gleichzeitig an
mehreren Öffnungen des Schmelzofens, so dass die gesamte Glasschmelze in einer
Arbeitsschicht von zehn Stunden verarbeitet war.
Aus dem hochwertigen Weißglas
stellten die Glasmacher Trinkgläser oder Medizinfläschchen her. Der
Glasschneidemeister gab ihnen in der Schneidestube an einer Scheibe aus
Sandstein 'den letzten Schliff'. Aus der Schleiferei trugen Helfer die fertigen
Gläser in die Einbindestube. Dort banden zumeist Frauen die Trinkgläser in
feuchtes und somit geschmeidiges Roggenstroh ein. Die fertig gebundenen Pakete,
ein 'Stroh' genannt, wurden zum Packplatz getragen und in Holzkisten verpackt.
Die Transportkisten hatte der Betriebsschreiner hergestellt. Alle Glaswaren
wurden dann von der Eselskarawane, die den Sand gebracht hatte, mitgenommen. Für
den Verkauf der Gläser sorgte der Glashändler Adam Andrée, der mit im Hause des Fabrikanten Kapmeyer wohnte. Die Arbeiter der Glashütte erhielten ihren Lohn nach der gefertigten Stückzahl. Der
Einträger zählte, indem er Glaskugeln von einem Kästchen in ein anderes
legte, jedes Werkstück, das er in den Kühlofen trug. Am Ende einer
Arbeitsschicht konnte der Buchhalter die Anzahl der gefertigten Gläser
feststellen und in das Lohnbuch eintragen. Die Monatsverdienste fielen sehr
unterschiedlich aus, da während des Winterhalbjahres zwischen Martini und
Ostern die Glashütte ihre Arbeit einstellte. Dann waren die Glasmacher als
Holzhauer tätig.
Die Anzahl der auf der Glasfabrik
beschäftigten Arbeiter schwankte je nach Absatzmöglichkeiten. Während um 1810
mehrfach 18 Glasmacher genannt wurden, gehörten im Jahre 1856 insgesamt 31 Mann
zur Belegschaft: das waren neben dem Fabrikherrn ein reisender Glashändler, 1
Glasschleifer, 4 Tagelöhner, 10 Meister, 8 Gesellen, 2 Schürer, 1 Schmelzer, 2
Gehilfen und 1 Gemengemacher. Auch die Produktionsmengen schwankten. Um die
Jahrhundertmitte wurden jährlich etwa 200.000 Hüttenstücke mit einem
Gesamtgewicht von 2.250 Zentnern zu einem Wert von 9.000 Talern produziert.
Besitzer der Glashütte war zu dieser Zeit die Unternehmerfamilie Vezin. Vater Louis hatte die Fabrik 1833 übernommen. Als er 1845 im Alter von 71
Jahren starb, führten seine Söhne Ludwig und August die Hütte weiter. Die
Vezins modernisierten den Betrieb. Im Jahr 1857 richteten sie einen zweiten
Schmelzofen ein, den sie mit Steinkohle befeuerten. Die Steinkohle wurde über
die 1853 gebaute Eisenbahnstrecke Ruhrgebiet - Paderborn bis nach Geseke transportiert und von dort über die gerade fertiggestellte
Kreisstraße Büren - Marsberg mit Pferdefuhrwerken bis zur Glashütte
geschafft. Durch den zweiten Ofen und die neuartige Befeuerung
verdoppelte sich der Wert der Produktion beinahe. 37 Arbeiter stellten an den
beiden Öfen 3.000 Zentner Weißglas im Wert von 12.000 Talern und 2.000 Zentner
Grünglas, überwiegend Flaschen, im Wert von 4.000 Talern her. Man hoffte
damals, dass mit der Steinkohlenbefeuerung eine dauerhafte Hebung des
Produktionsumfangs und der Rentabilität der Hütte eintreten würde.
Hüttendorf
Im Jahr 1862 arbeiteten auf der Fürstenberger
Glashütte
35 Arbeiter, die mit ihren Angehörigen eine Gemeinschaft von
83 Seelen bildeten. Die Hüttenarbeiter wohnten in niedrigen Fachwerkhäusern,
die sich in einem sehr schlechten Bauzustand befanden. Zu den aus der Gründungszeit
der Fabrik stammenden sechs Häusern, in denen jeweils zwei Familien wohnten,
waren zwei weitere Häuser gebaut worden: eines für drei Familien und das
andere für eine Familie. Für ihre Wohnung zahlten die Arbeiter jährlich 4
Taler Miete an den Hüttenherrn. Dafür hatte jede Familie eine beheizbare
Stube, eine ungeheizte Kammer und einen Stall für eine Kuh. Die Herde von mehr
als 20 Kühen durfte der Hirte nach festen Regeln in die zur Beweidung
freigegebenen Waldstücke treiben. Nach der Ablösung der Huderechte im Jahr
1871 wurde den Bewohnern der Glashütte
von der gräflichen Verwaltung eine besondere Kuhweide
angewiesen, die sich vom Forsthaus Felgenberg durch das Aa
tal bis auf den Himbeerkopf erstreckte und fast 80 Morgen groß war.
Den Wintervorrat an Heu gewannen die
Glashütte
r auf den Wiesen in den beiden Aatälern
, die zur Fabrik gehörten. Nach einem langwierigen Prozess konnte der Fabrikant
Vezin
1859 die 17 Morgen Acker- und Wiesenland der Wünnenberg
er Schützengesellschaft als Eigentum erwerben. Als die Schützen ihr Land öffentlich
versteigern wollten, pochte der Glasfaktor Vezin
auf seine Rechte aus der Erbpacht. Denn seit mehr als 40
Jahren waren die Schützenwiesen von der Glasfabrik zu einem Pachtpreis von
einem Taler pro Morgen genutzt worden. Vezin
konnte daher tatsächlich die auf den Schützenwiesen
liegenden Reallasten mit einer einmaligen Zahlung von 350 Talern ablösen.
Der Hüttenherr war vermögend, sein
Wohnhaus solide gebaut und in gutem Zustand. Es war aus Fachwerk, 28,90 m lang,
9,40 m breit und zwei Stockwerke hoch. Die Gefache waren mit Eichenscheiten
ausgestakt, mit Lehm verschmiert und mit Kalkmörtel verputzt. Das Haus war sehr
geräumig. In elf Zimmern waren die Wände sogar tapeziert, was den Wohlstand
des Besitzers anzeigte. Die übrigen Räume, der Flur und die Gänge waren mit
Kalk verputzt und geweißt. Die Fußböden beider Etagen waren mit Eichen- oder
Fichtenholzdielen belegt. Die geschlossene Küche und der Vorratsraum hatten ein
Kleinpflaster aus Flusskieseln. Die Stuben konnten mit eisernen Kohleöfen
beheizt werden.
Bis dicht an das Wohnhaus reichte das
Fabrikgebäude. Es war 34 m lang, 16 m breit, einstöckig und bis zur Dachtraufe
3 m hoch. Wie alle anderen Gebäude war auch die Fabrikhalle in Fachwerk
errichtet, das jedoch teils mit Lehmsteinen und teils mit gebrannten
Ziegelsteinen ausgemauert war. Der Fußboden bestand aus gestampftem Lehm.
Herrenhaus und Fabrik waren mit Tonziegeln gedeckt, letztere wegen der
Brandgefahr jedoch ohne Strohdocken. Seitlich der Fabrik stand in etwa 9 m
Entfernung ein einstöckiges 30 m langes und 5,60 m breites Gebäude, das im
Winkel gebaut war. Es bot als Magazin Platz für die Sand-, Ton- und Glasvorräte
und enthielt Ställe, deren Boden gepflastert war. Hierin standen die vier
Zugpferde der Hütte und ebenso viele Kühe.
Hüttenfest
Auf der Glashütte
wurde nicht nur hart gearbeitet, sondern auch jedes Jahr im
Juli das Hüttenfest gefeiert. Der Fabrikherr Louis Vezin
hatte dieses Fest gestiftet, um dem Missbrauch von Branntwein,
der in den Hungerjahren um 1840 verstärkt
aufgekommen war, zu begegnen. Jeder Arbeiter hatte sich mit seiner Unterschrift
verbürgen müssen, keinen Schnaps mehr zu trinken. Hingegen verpflichtete sich
der Fabrikherr, alljährlich der Hütte ein Fest auszurichten mit Musik und
Bier, „soviel jeder mag.“
Wenn am Samstag die Glasöfen
ausgingen, um nach der ersten Brennperiode des Jahres gereinigt und ausgebessert
zu werden, und die Hüttenglocke den Feierabend eingeläutet hatte, wurde der
Lehmboden im Fabrikraum gesäubert, angefeuchtet und glatt geschlagen. Die
Gesellen schmückten die Wände mit Birkenzweigen und Fichtengrün, um einen prächtigen
Tanzsaal zu schaffen. Die Frauen flochten rote und weiße Rosen, die im Garten
des Herrenhauses in großer Zahl wuchsen, in das Grün der Girlanden und bekränzten
das Haus und die Hütte.
Am Festsonntag, kurz nach zehn Uhr,
fuhren die geladenen Gäste in ihren Pferdekutschen vor. Erst kamen die Gutspächter
aus Eilern
, Elisenhof
und Wohlbedacht
, dann der Oberförster Langheld
und der Pächter der Fürstenberger
Ökonomie, der auch den Pfarrer mitbrachte. Die Fabrikherren pflegten seit jeher
den gesellschaftlichen Kontakt mit der Oberschicht des Dorfes, während die
Glasmacher abgeschieden von der Dorfbevölkerung unter sich lebten.
Doch heute war es anders. Allmählich
füllte sich der Festplatz und das Fest konnte mit einer alten Sitte beginnen:
ein junges Paar, das im verflossenen Jahr Hochzeit gehabt hatte, wurde beim Hüttenfest
feierlich in die Hüttengemeinschaft eingeführt.
Mit der Musik der Trompeten, Flöten
und Geigen setzte sich der Festzug in Bewegung. Voraus schritten die Männer,
die ihre Glaspfeifen, mit denen sie sonst die Gläser bliesen, geschultert
trugen. Um die Blasrohre hatten sie Ranken gewunden und in die Öffnungen vorn
eine Rose gesteckt. Es folgten die Frauen in ihrem steifen Hochzeitsstaat mit
schwarzem Seidenrock und der Goldhaube im Haar. Das jungvermählte Paar wurde
von seiner Wohnung abgeholt. Dann schritt der Zug am Wald entlang, einmal um die
ganze Hüttensiedlung und zurück zum Festzelt. Dort eröffnete das
Hochzeitspaar den Tanz, indem es reihum mit allen Nachbarn sich abwechselte.
Die Festgäste setzten sich an lange
Tische, tranken braunes Bier und aßen frischen Kuchen. Tanzspiele wechselten
mit Liedern und Trinksprüchen. Klein und groß spielte auf der Wiese und vergnügte
sich auf der Kegelbahn.
Mit dem Glockenschlag zwölf war das
Fest beendet. Die Musiker packten ihre Instrumente ein, und die Gäste verließen
in ihren Kutschen das Tal. Am Montag wurden die Reste verzehrt, und ganz unter
sich feierten die Hüttenarbeiter den Ausklang. Dann kehrte der Alltag wieder
ein. Die Öfen wurden gesäubert und ausgebessert, damit die nächste
Brennperiode beginnen konnte.
Wirtschaftsflauten
Die Glasmacher mussten gute Arbeit
leisten, denn die Konkurrenz der verkehrsgünstig an der Eisenbahn gelegenen
Glasfabriken war groß. Der Transportweg der Steinkohle in den Fürstenberger
Wald erwies sich als zu weit und somit zu teuer. Nach wenigen Jahren wurde die
Steinkohlefeuerung wieder aufgegeben. Grünes Flaschenglas wurde nicht mehr
produziert. Nur mit ihrem hochwertigem Weißglas hatte die Hütte noch gute
Absatzchancen. Der Produktionswert betrug 1866 nur noch 9.750 Taler.
Die wirtschaftliche Lage der
Glasarbeiter blieb bescheiden. Ihre engen Familienbindungen und vielfach
verflochtenen Verwandtschaften halfen ihnen über wirtschaftliche Flauten
hinweg. Schwierig wurde es, wenn der Verdienst durch Krankheit ganz entfiel. Die
1857 gegründete Unterstützungskasse für die Glasarbeiter sollte hier Hilfe
schaffen. Die Mitgliedschaft war Pflicht. Der Buchhalter der Hütte führte das
Mitgliederverzeichnis, errechnete die Beiträge, das war ein Prozent des
Monatslohnes, und behielt sie regelmäßig ein. Der Fabrikherr legte zum
erhaltenen Betrag die Hälfte hinzu. Die Jahreseinnahmen der Kasse lagen bei 50
bis 60 Talern und waren bei der Kreiskasse in Büren
angelegt.
Bei Erkrankung oder Unfall standen
dem Mitglied während der ersten Woche unentgeltlich ärztliche Pflege und
Medikamente zu. Bei längerer Krankheit und Arbeitsunfähigkeit gab es einen
Betrag von zehn Groschen bis zu zwei Talern pro Woche an Verpflegungsgeld. Im
Todesfall zahlte die Kasse einen Zuschuss von fünf Talern zu den Begräbniskosten.
Die Unterstützungskasse ersetzte die Armenpflege, für die bis dahin die
Gemeinde Fürstenberg aufkommen musste. 1884 wurde die Unterstützungskasse der
Fabrikarbeiter in die Allgemeine Ortskrankenkasse überführt.
Pachtbetrieb
Ludwig Vezin
verkaufte 1871 die Gebäude der Glashütte
mit allen zugehörigen Äckern und Wiesen an den Grafen
Westphalen
. Vezin
war damals 73 Jahre alt. Erst drei Jahre zuvor hatte er noch
Sophie, die Tochter des gräflichen Oberförsters, geheiratet. Da das Ehepaar
Vezin
kinderlos war, pachtete sein Neffe
Eduard Fabra
mit einem 10-Jahresvertrag die Fabrikgebäude und das Gelände.
Fabra
erneuerte in den Jahren 1874/75 das
Hüttengebäude und baute es 39 m lang und 17 m breit. Das Fachwerk ließ er mit
Ziegelsteinen ausmauern und den Fußboden ebenso pflastern. Außer den Schmelz-,
Kühl-, und Trockenöfen waren jetzt auch
die Schleiferei, die Einbindestube, die Schreinerei, das Sand- und Tonlager, die
Backstube und das Kontor unter dem Dach der Fabrik. Die Schulstube lag über der
Schleiferei und war wie diese beheizbar. Achtzehn kleinteilige Fenster aus Gusseisen
brachten Licht in die Räume der Fabrik.
Um die Verkehrslage der Hütte zu
verbessern, ließen die Gemeinde Fürstenberg und die gräfliche Verwaltung den
Verbindungsweg von der Provinzialstraße Fürstenberg - Marsberg
zur Glashütte
ausbauen. Im Sommer 1878 hatten die Arbeiter die Packlage
gesetzt und den Feinschlag fertig abgewalzt. Der Ausbau kostete die Gemeinde
10.838 Mark. Gegen eine jährlich von ihr zu zahlende Entschädigung übernahm
Graf Westphalen
die bauliche Unterhaltung dieses öffentlichen Gemeindeweges.
Krise
Das neue Fabrikgebäude war gerade
sechs Jahre in Betrieb, als es am 28. Juli 1881 abbrannte, weil sich Holzrinde
im Trockenofen entzündet hatte. Da fast alle Arbeiter mit der Heuernte beschäftigt
waren, kam tatkräftige Hilfe zu spät. Auch die herbeigerufene Fürstenberger
Feuerspritze konnte nicht mehr viel ausrichten. Die Fabrik und das Magazin
brannten nieder.
Das angrenzende Wohnhaus, in dem der
Glasfabrikant mit seiner siebenköpfigen Familie, der Buchhalter, die Lehrerin
sowie drei Mägde, ein Knecht und der Kuhhirt wohnten,konnte gerettet werden. Als die gräfliche Verwaltung den
Wiederaufbau des Fabrikgebäudes nicht sofort in Angriff nahm, gab Fabra
sein Pachtverhältnis Ende 1881 auf. Nach zehnjähriger
Betriebsführung hatte er die Einsicht gewonnen, dass seine Glashütte
weit abgelegen von der Bahn dem Konkurrenzdruck nicht mehr
lange standhalten würde. Schon etliche Jahre zuvor hatte der Amtmann Brunnstein
die Erwartung geäußert, dass die Glashütte
bald nach Marsberg
an die Eisenbahn verlegt werden würde, zumal die Holzpreise
gestiegen seien und die Steinkohle dort billiger zu haben sei.
Der adelige Eigentümer fand jedoch
im Februar 1882 mit dem Uhrmacher Gerlach
und dem Maurermeister Nikolaus Höttger
aus Marsberg
neue Pächter. Höttger erhielt den Auftrag zum Wiederaufbau
der Fabrik. Mit den verbliebenen Glasmachern führte er den Betrieb weiter.
Als am 2. Juli 1885 nach einem
Blitzschlag das Herrenhaus niederbrannte, errichtete die gräfliche Verwaltung
einen kleineren Neubau, der um 12 Meter vom Fabrikgebäude weg nach Süden
versetzt war. Die besten Jahre des Hüttenbetriebes waren allerdings längst
vorbei. Der Pächter lebte in bescheidenen Verhältnissen und das Einkommen der
Arbeiter war so gering, dass sie fast gar keine Gemeindesteuer zahlten. Am 8.
September 1903 stellte der Betrieb schließlich seine Produktion ein. Außer
Forsthaus und Schule erinnerten bald nur noch ein paar Glasklumpen und
zerbrochene Werkstücke, die ein Maulwurf auf dem Hüttenplatz ans Tageslicht
brachte, an die alte Glasfabrik im Fürstenberger Wald.
Marsberger
Glashütte
Der
Hüttenpächter und seine Arbeiter zogen nach Marsberg
, um ihr Glück dort zu versuchen. Für die Bauherrn und Geldgeber des
Projekts Julius und Louis Nordheimer
stellte Nikolaus Höttger
am
10. September 1903 einen Bauantrag auf Errichtung der Marsberg
er Glashütte auf einem Gelände zwischen der Bahnhofstraße und der
Paulinenstraße. Die Fabrikhalle wurde etwas größer als die in Fürstenberg
und aus Ziegelsteinen errichtet. Sie enthielt neben dem eigentlichen Hüttenraum
die Hafenstube, die Einbindestube, die Schleiferei und den Gemengeraum. Wie
schon in Fürstenberg sollten die Glashäfen auch hier direkt befeuert werden,
jetzt allerdings wieder mit Steinkohle, die über die Bahn preisgünstig
herangeschafft werden konnte.
Der
runde Glasofen von 5 m Durchmesser hatte 8 Arbeitsöffnungen. Insgesamt hatte
die Hütte 34 Beschäftigte: 15 Glasmacher, acht Einträger, zwei Schürer,
einen Gemengemacher, einen Packer, zwei Einbinderinnen, drei Schleifer und zwei
Kistenmacher. Ebenso viele waren es schon im Fürstenberger Wald gewesen. Und
wie dort wurde weißes Hohlglas hergestellt. Das Glasrezept hatte man aus dem Aa
tal mitgebracht.
Es
war eine monatliche Produktion von 20.000 kg Glaswaren geplant. Dafür wurden täglich
2.850 kg Steinkohle als Brennstoff benötigt. Die Schleifscheiben der
Schleiferei, wurden nicht mehr wie in der alten Hütte mit einem Wasserrad
angetrieben, sondern von einem Elektromotor. Eine weitere Neuerung war das von
Hand betriebene 12 m lange Fließband. Auf ihm wurden die fertigen Glaswaren
langsam durch den Kühlofen gezogen und gleichmäßig abgekühlt.
Durch
den Krieg bedingt musste die Hütte allerdings 1917 ihren Betrieb wegen
Kohlenmangels einstellen. Nach einer wechselvollen Geschichte übernahm 1935 der
Driburg
er Glashändler H. Ritzenhoff
die Glashütte. Heute ist
sein modernes Glaswerk nur 4 km vom ursprünglichen Standort entfernt an den
Rand des Fürstenberger Waldes zurückgekehrt.